Kritische Online-Edition der Tagebücher
Michael Kardinal von Faulhabers (1911–1952)

16.05.2022
Kardinal von Faulhaber in Haag anlässlich der Firmung am 16. Juli 1943.
Michael Kardinal von Faulhaber in Haag anlässlich der Firmung am 16. Juli 1943. Bildquelle: Erzbischöfliches Archiv München.

„Heute alles nervös, weil das ruchlose Verbrechen, das Attentat auf den Führer bekannt wurde.“

Kardinal Faulhabers Tagebücher aus den Jahren 1942, 1943 und 1944 gehen online.

Vernichtungspolitik

Die Deportation der Münchner Juden, die im November 1941 begonnen hatte, erreicht im Sommer 1942 ihren schrecklichen Höhepunkt. Unter den Augen der Bevölkerung rollt Transport auf Transport gen Osten – fast ausnahmslos in das Konzentrationslager Theresienstadt. Verzweifelte Angehörige wenden sich mit der Frage, „ob gar nichts zu machen sei“ an Erzbischof Faulhaber, der knapp erwidert: „leider nicht“. Der Bitte eines Diplomaten, er solle „gegen die furchtbaren Judenmorde öffentlich auftreten“, entspricht er nicht. Stattdessen hält ihm der Kardinal am 28. Januar 1943 entgegen, dass man keinen Anlass bieten dürfe, sich dem „Vorwurf vom Dolchstoß“ auszusetzen, wie er nach der Kriegsniederlage 1918 von der politischen Rechten gegen die politische Linke erhoben worden war.

Staatsstreich

Widerstand gegen das Regime lehnt Faulhaber ab. Über den missglückten Anschlag Claus Schenk Graf von Stauffenbergs vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler notiert er am nächsten Tag: „Heute alles nervös, weil das ruchlose Verbrechen, das Attentat auf den Führer bekannt wurde.“ Doch der empörte Erzbischof von München und Freising war im Frühjahr 1943 von Carl Goerdeler aufgesucht worden, was aber keinen Niederschlag im Tagebuch fand. Am 21. August 1944 musste sich Faulhaber eine mehrstündige Vernehmung durch einen Mitarbeiter der Gestapo, der der Besuch Goerdelers bekannt geworden war, im Erzbischöflichen Palais gefallen lassen, wie das Tagebuch belegt. Den Vorwurf, er habe Verbindungen zu den Verschwörern des 20. Juli gehabt, weist er als ehrenrührig zurück. Den Besuch Goerdelers gesteht er zwar ein, weicht weitergehenden Fragen des Gestapo-Beamten jedoch meist aus, wie einem von ihm noch am selben Tag angefertigtem Gesprächsprotokoll über seine Vernehmung zu entnehmen ist. Außerdem hatte der Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke im Jahr 1942 den Kontakt zu Faulhaber gesucht, wie der Tagebucheintrag vom 16. Mai 1942 und ein kryptisches Gesprächsprotokoll vom 15. Oktober 1942 zeigen.

Krieg

Exemplarisch geben die Tagebücher der Jahre 1942 bis 1944 Auskunft über den Kriegsalltag der deutschen Bevölkerung. Das Jahr 1942 verläuft für die überwiegende Mehrheit der Einwohner Münchens vergleichsweise ruhig, gestört nur durch vereinzelte Fliegerangriffe. Gedanken über eine mögliche Kriegsniederlage weist der Erzbischof zurück. Einen Besucher belehrt er am 10. Januar 1942 mit den Worten: „Man muss um Schutz für das Vaterland bitten nach dem Willen Gottes, Niederlage darf man nach dem Vierten Gebot nicht wünschen … .“ Bedrückende Nachrichten erreichen Faulhaber aber durch Angehörige von Soldaten. Beispielsweise erzählt ihm eine Mutter, dass ihr Sohn „von der Ostfront wie einen Abschiedsbrief geschrieben“ habe. Im Laufe des Jahres 1943 nehmen die Luftangriffe auf München und Umgebung zu und bewirken beträchtliche Schäden. Doch erst im Jahr 1944 vergeht kaum ein Tag ohne Luftalarm für die schwer getroffene Landeshauptstadt. So notiert Faulhaber am 18. März: „München, Fliegerüberfall … über 300 Tote. Viele Verwüstungen.“ Am 25. April heißt es im Tagebuch: „1.00 Uhr Sirene zum Alarm für den furchtbaren Überfall, in der Hauptsache Brandbomben auf München. In drei Wellen. (…) Ordinariat ausgebrannt.“ Und am 22. November hält der Erzbischof fest: „Der Unglückstag für den Dom, schwer beschädigt, und für Sankt Michael, auch für Damenstiftskirche und Herzogspitalkirche.“ Den gefährlichsten Teil der Aufräumarbeiten nach Bombenangriffen mussten Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau übernehmen. Schon am 21. Juli hatte Faulhaber in seinem Tagebuch vermerkt: „Heute endlich der Blindgänger in der Promenadestraße beseitigt, das heißt entleert. Dachauer lösten einander ab.“ Resigniert vertraut er am 25. Dezember seinem Tagebuch an: „Christtag unter Trümmern und Bomben.“

→ Zu den Tagebucheinträgen des Jahres 1942

→ Zu den Tagebucheinträgen des Jahres 1943

→ Zu den Tagebucheinträgen des Jahres 1944

In dieser kritischen Online-Edition werden die Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers und die sogenannten Beiblätter aus den Jahren 1911 bis 1952 veröffentlicht. Es bedeutet einen großen Glücksfall für die Forschung, dass diese Dokumente über einen so langen Zeitraum lückenlos überliefert sind. Erstmals wird dieser Textkorpus systematisch aus der Kurzschrift Gabelsberger übertragen und der Öffentlichkeit in Gänze zur Verfügung gestellt. Die Texte und später auch die Kommentare werden in regelmäßigen Abständen online verfügbar gemacht.

Der Münchner Erzbischof Michael Kardinal von Faulhaber (1869-1952) war ein machtbewusster Kirchenfürst, ein politischer Vordenker, ein hochgelehrter Theologe und ein internationaler Netzwerker. Er prägte die Geschichte der katholischen Kirche über zahlreiche Umbrüche hinweg, vom Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik und den Zweiten Weltkrieg bis in die Besatzungszeit und die ersten Jahren der Bundesrepublik. Faulhaber mischte sich ein, nahm Stellung und scheute keinen Streit, wenn es um die Interessen der Kirche und die Verteidigung des Glaubens ging. Das brachte ihm viele Verehrer, aber auch viele Feinde ein. Besonders umstritten ist er heute wegen seiner Kriegsrechtfertigungen, seiner Kritik an der Weimarer Republik und seines Verhaltens im „Dritten Reich“.

Auch politische und kulturelle Entwicklungen beobachtete Faulhaber sehr genau – und versuchte sie zu beeinflussen. Seine Aufzeichnungen sind daher nicht nur eine wichtige Quelle für Kirchenhistoriker, sondern auch für grundlegende Fragen der deutschen und europäischen Politik-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die universelle Struktur der katholischen Kirche eröffnet außerdem internationale Vergleichshorizonte.

Das Editionsprojekt wird insbesondere neue Beiträge zum Verhältnis von Religion und Politik und zum Umgang der katholischen Kirche mit totalitären Ideologien ermöglichen. Gleiches gilt für innovative Forschungen zur Theologie- und Kulturgeschichte, etwa mit Blick auf personelle Netzwerke, Frömmigkeitsformen, Kriegsdeutungen und Geschlechterrollen im Katholizismus oder die Beziehungen zu anderen Glaubensgemeinschaften.

Das Team des Projekts hat sich die von Faulhaber verwendete Kurzschrift Gabelsberger angeeignet. Das Projekt trägt so dazu bei, diese Kulturtechnik vor dem Aussterben zu bewahren. Durch die technische Weiterentwicklung der Datenbanken und Darstellungsformen leistet das Projekt zudem einen Beitrag zur Verbesserung der Forschungsinfrastruktur.

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