Kritische Online-Edition der Tagebücher
Michael Kardinal von Faulhabers (1911–1952)

11.11.2021
Michael Faulhaber bei der Trauerfeier für die Gefallenen des Krieges im Dom Zu Unserer Lieben Frau, München am 17. Juli 1940.
Michael Faulhaber bei der Trauerfeier für die Gefallenen des Krieges im Dom Zu Unserer Lieben Frau, München am 17. Juli 1940. Bildquelle: Erzbischöfliches Archiv München (EAM NL Faulhaber, Fotosammlung 988).

„Es muß alles auf den Krieg eingestellt werden“

Kardinal Faulhabers Tagebücher aus den Jahren 1940 und 1941 gehen online

Nur wenige Monate nach dem Überfall auf Polen erreicht der Krieg München. Die Stimmung der Bevölkerung ist gedrückt: „Carnevalsdienstag, aber nichts davon zu bemerken“, verrät der Tagebucheintrag vom 6. Februar 1940. Verdunkelung wird angeordnet. Der erste Bombenangriff auf München am 4. Juni 1940 verursacht nur geringe Schäden, doch die „Trichter in der Stadt haben gewaltigen Eindruck gemacht“, wie der Erzbischof wenig später notiert.

Unbeirrt setzt der NS-Staat seinen Kampf gegen die katholische Kirche fort. Die Gestapo nimmt unbotmäßige Priester in Haft oder interniert sie in Konzentrationslagern. Die Nationalsozialisten beschlagnahmen Klöster und andere Ordenseinrichtungen und wandeln sie in Unterkünfte für sogenannte volksdeutsche Umsiedler oder Lazarette um. Der Religionsunterricht in den Berufsschulen wird verboten, Kreuze erneut abgehängt, der Fronleichnamstag 1940 reichsgesetzlich von Donnerstag auf Sonntag verlegt und Allerheiligen ein Jahr später als Feiertag abgeschafft. Gegen diese Maßnahmen wehren sich die deutschen Bischöfe in Eingaben an die Reichsstellen und wenden sich in Hirtenworten an ihre Gemeinden. Auf öffentliche Kritik reagieren die Machthaber dünnhäutig. Generalvikar Buchwieser wird Anfang Februar 1940 von der Polizei bedeutet: „Drei Hirtenbriefe nacheinander … unerträglich. Wenn wieder einmal, dann mit schärfsten Mitteln ohne Ansehen der Person. Ist Befehl von Berlin aus. Es muß alles auf den Krieg eingestellt werden.“ Über den Kriegsverlauf im Osten und Westen ist Faulhaber durch zurückkehrende Feldgeistliche, Soldaten auf Fronturlaub und vornehmlich Besucherinnen, deren Verwandte im Feld stehen, orientiert.

Vernichtungspolitik

Zutiefst beunruhigen nicht nur Faulhaber die sich verdichtenden Nachrichten, dass die Patienten der Heil- und Pflegeanstalten in Tötungsanstalten deportiert und dort ermordet werden. In einer Eingabe an Reichsjustizminister Gürtner vom 6. November 1940 attackiert Faulhaber die „Euthanasie“ als unvereinbar mit dem „christlichen Sittenkodex“ und fordert deren sofortige Beendigung. Doch erst in Reaktion auf die Predigt Bischof von Galens am 3. August 1941 stellen die Nationalsozialisten die zentral organisierte Mordaktion „T4“ ein. Der Massenmord erfolgt nun direkt in den Heil- und Pflegeanstalten: „Es wird nicht mehr abtransportiert, sondern im Hause selber gemacht“, eröffnet der Pfarrvikar der Anstalt Eglfing-Haar Faulhaber am 15. November 1941.

Der Beginn des nächsten nationalsozialistischen Vernichtungsvorhabens offenbart sich dem Erzbischof in München nur Tage zuvor. Am 11. November hält er im Tagebuch fest: „Der Abtransport von 1.200 Juden heute.“ Zwei Tage später heißt es dort: „Das große Gespräch dieser Tage der Abtransport von 1.000 Juden nach Polen bei Nacht und bei Tag. Ich wende mich in dieser Sache an den Vorsitzenden der Bischofskonferenz.“ Faulhaber regt daraufhin beim Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz eine Intervention bei den staatlichen Stellen an. Doch eine gemeinsame Reaktion der katholischen Bischöfe kommt nicht zustande.

→ Zu den Tagebucheinträgen des Jahres 1940

→ Zu den Tagebucheinträgen des Jahres 1941

In dieser kritischen Online-Edition werden die Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers und die sogenannten Beiblätter aus den Jahren 1911 bis 1952 veröffentlicht. Es bedeutet einen großen Glücksfall für die Forschung, dass diese Dokumente über einen so langen Zeitraum lückenlos überliefert sind. Erstmals wird dieser Textkorpus systematisch aus der Kurzschrift Gabelsberger übertragen und der Öffentlichkeit in Gänze zur Verfügung gestellt. Die Texte und später auch die Kommentare werden in regelmäßigen Abständen online verfügbar gemacht.

Der Münchner Erzbischof Michael Kardinal von Faulhaber (1869-1952) war ein machtbewusster Kirchenfürst, ein politischer Vordenker, ein hochgelehrter Theologe und ein internationaler Netzwerker. Er prägte die Geschichte der katholischen Kirche über zahlreiche Umbrüche hinweg, vom Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik und den Zweiten Weltkrieg bis in die Besatzungszeit und die ersten Jahren der Bundesrepublik. Faulhaber mischte sich ein, nahm Stellung und scheute keinen Streit, wenn es um die Interessen der Kirche und die Verteidigung des Glaubens ging. Das brachte ihm viele Verehrer, aber auch viele Feinde ein. Besonders umstritten ist er heute wegen seiner Kriegsrechtfertigungen, seiner Kritik an der Weimarer Republik und seines Verhaltens im „Dritten Reich“.

Auch politische und kulturelle Entwicklungen beobachtete Faulhaber sehr genau – und versuchte sie zu beeinflussen. Seine Aufzeichnungen sind daher nicht nur eine wichtige Quelle für Kirchenhistoriker, sondern auch für grundlegende Fragen der deutschen und europäischen Politik-, Gesellschafts- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die universelle Struktur der katholischen Kirche eröffnet außerdem internationale Vergleichshorizonte.

Das Editionsprojekt wird insbesondere neue Beiträge zum Verhältnis von Religion und Politik und zum Umgang der katholischen Kirche mit totalitären Ideologien ermöglichen. Gleiches gilt für innovative Forschungen zur Theologie- und Kulturgeschichte, etwa mit Blick auf personelle Netzwerke, Frömmigkeitsformen, Kriegsdeutungen und Geschlechterrollen im Katholizismus oder die Beziehungen zu anderen Glaubensgemeinschaften.

Das Team des Projekts hat sich die von Faulhaber verwendete Kurzschrift Gabelsberger angeeignet. Das Projekt trägt so dazu bei, diese Kulturtechnik vor dem Aussterben zu bewahren. Durch die technische Weiterentwicklung der Datenbanken und Darstellungsformen leistet das Projekt zudem einen Beitrag zur Verbesserung der Forschungsinfrastruktur.

Auf dieser Website werden zum Zweck der Datenverkehrsanalyse durch die Webanalyse-Software Matomo Cookies verwendet. Mehr dazu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.